Den Horizont erweitern

Raus aus dem Tunnelblick

Raus aus dem Tunnelblick

Der Volksmund sagt, ein Mensch mit Weitblick ist jemand, der eine gute Übersicht hat und vorausschauend denkt und handelt. In unserer Gesellschaft scheint man heutzutage allerdings eher den Tunnelblick zu bevorzugen. Viele wichtige Entscheidungen werden nicht mit Weitblick, sondern kurzfristig getroffen. Stress und Anspannung tragen dazu bei, dass unsere Aufmerksamkeit in einem engen Fokus gehalten wird. Arbeitsbedingungen sind weniger am Menschen orientiert und für viele ist das Arbeitspensum nicht mehr zu schaffen. Betrachten wir unsere heutige Arbeitswelt, ist ein Zusammenhang zu sehen zwischen zunehmender Fixierung – auch am Bildschirm – und dem Verlust der weiten Wahrnehmung. Damit verbunden erleben wir eine zunehmende Belastung bis hin zu dem weit verbreiteten Burnout Syndrom. Statt immer weiter in die Fokussierung zu gehen, im Tunnelblick zu verharren und zu stagnieren, wäre es sicher hilfreicher, den Weitblick zur Hilfe zu nehmen. Denn dieser hat auch eine gesunde Wirkung auf unsere Stimmung.

Während ein fokussierter Blick die Augen still hält, Gesehenes ausblendet oder ins Leere starrt, regt der Weitblick die Bewegungsfähigkeit der Augen an und lässt uns unsere Umwelt interessiert betrachten. Ein unbewegter Blick führt dazu, Menschen und Ereignisse zu bewerten und zu beurteilen. Damit regen wir ein „Gedankenkarussell“ im Kopf an. Ein weiter Fokus hilft dagegen eine nicht-wertende Haltung einzunehmen, in der wir achtsam und offen uns selbst uns unsere Mitmenschen wahrnehmen.

Weitblick als Stimmungsaufheller

Der Weitblick wirkt sich günstig auf unsere Stimmung aus und hilft dabei, Gesehenes und Gelesenes leicht aufzunehmen und zu merken. Laut den Wissenschaftsnachrichten von scienceticker verengt schlechte Laune unseren Blick. Kanadische Neurowissenschaftler haben in einem Experiment herausgefunden, dass negativ gestimmte Probanden, Objekte am Rande Ihres Blickfeldes weniger deutlich wahrnehmen als positiv gestimmte Menschen. Die Hirnaktivität des Hippocampus – das emotionale Zentrum des Gehirns sowie auch die Region des Merkens und Vergessens – ist nach diesen Untersuchungen bei positiv gestimmten Menschen stärker angeregt als bei negativ gestimmten. Der Weitblick vergrößert das Fenster, durch das wir die Welt sehen, regt damit die Region im Hippocampus an und hebt so automatisch die Stimmung.

Wenn wir in betrübter Stimmung sind, kann uns der Weitblick helfen, die gute Laune wieder zu finden sowie leichter zu lernen und Gelerntes zu behalten. Die Art zu sehen hat also Einfluss auf die Merkfähigkeit und Wachheit unseres Gehirns. Wir können den Weitblick als Mittel einsetzten, um uns selbst und andere gut zu führen. Wenn wir mit schwierigen Aufgaben konfrontiert werden, finden sich mit dem Weitblick Lösungen schneller. Anstelle einer hoher Fokussierung auf das Problem, was in dem Sprichwort „Ich sehe den Wald vor lauter Bäumen nicht“ seinen Ausdruck findet, sollte der Fokus wieder weit gestellt werden. Dies hilft, die Fokussierung auf das Problem loszulassen und weit genug vom Baum zurück zu treten, um zu bemerken, dass man den ganzen Wald wahrnehmen kann. Lösungen für schwierige Herausforderungen fallen uns dann ganz von selbst ein. Wenden wir den Weitblick an und zaubern noch ein Lächeln ins Gesicht, entspannen bis zu 40 Muskeln, die die Mimik im Gesicht steuern. Die Neurotransmitterfunktion, die Signalübertragung zwischen den Nervenzellen, verbessert sich. Die Stimmung hebt sich, wir kommen im Jetzt an und Lese-, Lern- und Arbeitsprozesse gestalten sich leichter.

Weitblick in Religion, Philosophie und Magie

In manchen Religionen, der Philosophie und in der Magie spielt der Weitblick eine wichtige Rolle. Er hilft dabei, in der „Zwischenwelt“ anzukommen und das zu sehen, was uns im Alltag entgeht. Im Buddhismus wird der Weitblick mit einem klaren Verstand und Mitgefühl in Verbindung gebracht, was den Menschen hilft, das zu tun, was langfristig nützt. Mit Weitblick kommen wir im Jetzt an und beschäftigen uns weniger mit der Sorge um die Zukunft oder Vergangenes. Der Weitblick lässt uns „nicht Sichtbares“ sehen oder noch nicht sichtbare Lösungen finden. Spontane Eingebungen, Geistesblitze, Ideen und Inspirationen entstehen durch Weitblick. Auch erfolgreiche Unternehmer, hochintelligente Menschen und Genies sind mit Weitblick ausgestattet oder haben sich diesen zu Nutze gemacht. Im Idealfall pendeln wir zwischen fokussiertem Sehen und offenem Fokus hin und her. Wir schauen etwas an und dehnen dabei unsere Raumwahrnehmung in allen Richtungen aus. Der Blick wandert entspannt, der Fokus ist offen und die Gegenstände springen uns von selbst entgegen. Wir fixieren für kurze Zeit das, was unser Interesse weckt, um dann wieder zum Weitblick zurück zu kehren. Der Geist und die Augen bleiben dabei beweglich und geschmeidig.

Auch der Atem kann dabei helfen, den ruhelosen Geist wieder zum Körper zurück zu holen. Der Zenmeister Thich Nhat Hanh regt in seiner Meditationslehre an, sich seines Körpers bewusst zu werden und ihm zuzulächeln: „Beim Einatmen bin ich mir meiner Augen bewusst, beim Ausatmen lächele ich ihnen zu. Beim Einatmen bin ich mir meines Herzens bewusst und beim Ausatmen lächele ich ihm zu.“ Dazu möchte ich noch ergänzen: Beim Einatmen bin ich mir meiner Umgebung bewusst, beim Ausatmen lächele ich ihr zu. Der weite Blick kehrt die gewöhnlich verengende Blickweise einer Fehlsichtigkeit um und führt bei vielen Menschen dazu, dass sie spontan klarer sehen.

Ich persönlich nutze und lehre den Weitblick sowohl im Sehtraining als auch im Coaching, denn er hilft, sich von negativer Fokussierung zu lösen und mit unseren Ressourcen und Fähigkeiten in Kontakt zu kommen. Es geht z.B im ressurcenorientierten Coaching weniger um die Inhalte, sondern um deren Bewertung und um unsere Beziehung dazu. Wenn ich mir wegen einer persönlichen Schwäche mental immer wieder kritisiere, ist eine Änderung schwer. Schaue ich dagegen wohlwollend und wertschätzend auf diese Schwäche, nehme ich wahr, dass sie auch Ressourcen beinhaltet.

Im Sehtraining gebrauche ich viele Übungen, die die Beidäugigkeit anregen und damit zum offenen Fokus verhelfen. Auch Meditationstechniken mit Farbkarten und Farbpunkten unterstützen das periphere Sehen und damit den Weitblick. Der weite Blick wirkt sich auf mehreren Ebenen positiv auf den Menschen aus. Die visuelle Wahrnehmung erweitert sich, der Geist kann locker und entspannt aufnehmen und abspeichern, die Stimmung hebt sich und körperliches Wohlempfinden kann sich ausbreiten.

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